Von Gabor Halasz (Rheinpfalzartikel am 26.5.2010)
Neustadt. Ihrem Status als Publikumsmagnet wurde die Liedertafel auch am Sonntag wieder vollauf gerecht: Der Saalbau war so gut wie bis zum letzten Platz besetzt beim Festprogramm des philharmonischen Chors aus Neustadt und der Cantoria Mâcon unter Leitung von Jochen Braunsteins, mit dem die beiden Chöre gemeinsam das 40-Jahre-Jubiläum ihrer Partnerschaft begingen. Das rege Interesse am Ereignis spricht für die Musikbegeisterung in der Region und die feste gesellschaftliche Verankerung der Liedertafel.
Präsentiert wurde zum feierlichen Anlass ein anspruchsvolles Programm vorwiegend aus Seltenheiten jenseits der ausgetretenen Pfade des landläufigen Konzertbetriebs. Mut demonstrierten die Chöre aus den beiden Partnerstädten und Dirigent Jochen Braunfels, musikalischer Leiter der Liedertafel, auf jeden Fall mit ihrer Stückwahl. Wobei mit dem Schlussstück des Abends, Beethovens op. 80, der Fantasie für Klavier, Chor und Orchester, an die Anfänge der Kooperation zwischen den beiden Vokalensembles erinnert wurde. Es handelte sich um das erste Werk, das sie (1971, kurz nach Gründung der Partnerschaft im Vorjahr) zusammen aufgeführt hatten.

Auch abgesehen aber von diesem Rückblick war die Begegnung äußerst anregend mit dem eigenwilligen Werk - einer Art Studie zum Chorfinale von Beethovens 9. Sinfonie mit der Schillerschen Ode an die Freude -, das drei Gattungen, Klavierfantasie, Klavierkonzert und Kantate, im Zeichen des Variationsprinzips miteinander verschmilzt. Und besonders attraktiv gestaltete sich das Zuhören dank der schlüssigen, eindeutig adäquaten Aufführung, in der das Stück im Saalbau erklang.
Zuerst zum Solopart, die durch Christine Boersch eine höchst brillante Wiedergabe erfuhr. Die Neustadter Pianistin spielte souverän, virtuos, gestaltete ebenso geläufig wie ausgewogen das Passagenwerk der Variationen und glänzte andererseits durch Feinschliff, erlesene Anschlagskultur und gestalterische Präsenz. Im einleitenden Klaviersolo, das möglicherweise eine Idee von Beethovens Improvisationen vermitteln mag, beeindruckten dagegen Nuancenreichtum und Ausdrucksgehalt ihres Vortrags. Stabil, ausgewogen und differenziert geriet bei Beethoven auch der Vokalpart der vereinigten Chöre unter Braunsteins umsichtiger, den Apparat - einschließlich des mitwirkenden Orchesters der Kurpfalzphilharmonie Heidelberg - unablässig animierender Stabführung. Schönheit und Ideenreichtum der Chorfantasie teilten sich diesmal eindringlich mit.
Ausgesprochen bravourös sang, sprach, flüsterte und zischte der deutsch-französische Chor danach „Les Djinns" (op. 12), eine überaus aparte Rarität für Chor und Klavier von Gabriel Fauré nach einem Gedicht von Victor Hugo. Sie beschwört die Geister, Kobolde, Gnomen und Gespenster des Dichters in irreal bizarren, stellenweise sogar modern wirkenden Klängen, die allesamt schlüssige Realisierung fanden. Auch hier war Christine Boerschs Klavierpart von zwingender Wirkung.
Insgesamt überzeugte der Chor durch sonoren, homogenen Klang, Ensembledisziplin und genau angesetzte Tonabstufungen. All das und die prägnante Darstellung des mehrstimmigen Satzgefüges in Vivaldis Gloria in D-Dur durch klare Linienführung sprachen deutlich für Braunsteins gezielte Probenarbeit. In Vivaldi warteten außerdem die beiden Solistinnen Doris Steffan-Wagner (Sopran) und Eva Braunstein (Alt) mit soliden Leistungen auf.
Den Auftakt zum Abend gab Mozart, zunächst, zur Angelegenheit passend, sein Te Deum in C-Dur (KV 141), ein Frühwerk, und anschließend die A-Dur-Sinfonie (KV 201). Bei letzterem Stück kam es allerdings stellenweise zu Unklarheiten in der Wiedergabe des Orchesters der Kurpfalzphilharmonie. Der Publikumsbegeisterung tat das keinen Abbruch: Zum Schluss des Konzerts gab es viel Beifall.
Quelle:
Verlag: DIE RHEINPFALZ
Publikation: Mittelhaardter Rundschau
Ausgabe: Nr.119
Datum: Mittwoch, den 26. Mai 2010
Seite: Nr.21
"Deep-Link"-Referenznummer: '6420006'
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Aktualisiert (Montag, den 28. Juni 2010 um 15:19 Uhr)